Tag: Boxen

Gefunden auf Spiegel Online am 02.06.2012:

Box-Legende Peter Müller

“Da hab ich ihn ausgemacht”

Weltberühmt mit einem Schlag! Er fühlte sich vom Ringrichter benachteiligt, also haute Peter Müller ihn einfach um. Der Ausraster vor sechzig Jahren machte den Profiboxer zur Kultfigur, brachte ihn aber in die Psychiatrie. Doch der Heißsporn kämpfte sich zurück – und produzierte weiter Skandale. Von Christoph Gunkel

Der Mann mit dem Allerweltsnamen mochte es gar nicht, wenn jemand seinen Allerweltsnamen nicht kannte. Wie etwa dieser ignorante Kölner Straßenbahnschaffner.

Also machte Peter Müller das, was Peter Müller zeitlebens am besten konnte. Er schlug den Schaffner mit einem satten Haken K.o. Der würde sich künftig schon merken, wer ihn da niedergestreckt hatte: Gestatten, Peter Müller, angehender Box-Star, von seinen Fans auf Kölsch liebevoll “de Aap”, der Affe, genannt. Wegen seiner starken Brustbehaarung, dem knautschigen Gesicht und seiner Unbeherrschtheit.

Anfang der fünfziger Jahre soll sich dieser Vorfall abgespielt haben. Wenig später dürfte es tatsächlich kaum einen Straßenbahnschaffner in ganz Deutschland gegeben haben, der “den Affen” mit der harten Rechten nicht mehr kannte: Denn vor 60 Jahren, am 7. Juni 1952, schickte Peter Müller wieder einen Unbeteiligten ins Reich der Träume. Es sollte der Knockout seines Lebens werden.

Kämpfen im Hurra-Stil

Bis zu diesem Tag galt Peter Müller als ein technisch mittelmäßig talentierter Profiboxer, der aber wegen seiner mitunter selbstzerstörerischen Angriffslust und dem ungeheuren Kampfeswillen auffiel. Seine wilde, draufgängerische Kampfweise machte ihn nicht nur in seiner Heimatstadt Köln zum umjubelten Lokalmatador, sondern ließ ihn schnell zum Liebling der einfachen Arbeiter werden: Die Menschen sahen in ihm einen, der sich im Ring ebenso schindete, wie er es zuvor als Melker in der Eifel oder als Bananenverkäufer auf dem Kölner Früchtemarkt gemacht hatte. “Rä-de-wumm, de Pitter fällt nit um”, reimten seine Fans nicht nur in der Karnevalszeit.

Auch an jenem 7. Juni 1952 hofften die meisten der 12.000 Zuschauer in der Kölner Eissporthalle, dass ihr Peter nicht umfällt. Zum vierten Mal stand er seinem Erzrivalen Hans Stretz gegenüber. Gegen Stretz hat Müller 1949 seinen Titel als Deutscher Meister im Mittelgewicht verloren; von Stretz hat er sich den Titel ein Jahr später wiedergeholt. Den letzten Kampf sechs Wochen zuvor in Berlin verlor der Kölner aber erneut, weil er auf Stretz auch dann noch einprügelte, als der schon längst am Boden lag. Müller wurde disqualifiziert. Jetzt will er seinen Titel zurück.

Es ist ein offener Fight zweier vollkommen unterschiedlicher Boxertypen. Der nur 1,65 Meter kleine Müller will seinen deutlich größeren Gegner unbedingt K.o. schlagen, zumal Stretz nach Punkten führt. Er tänzelt um Stretz herum, sucht immer wieder die Attacke. Seine Wut steigt, als er merkt, dass ihm das nicht gelingt, und dafür macht er auch Ringrichter Max Pippow verantwortlich. Pippow trennt die Kontrahenten immer wieder, dabei sieht der kleine, quirlige Müller seine Stärken im Nahkampf.
“Do Jeck!”

Schon beim letzten Aufeinandertreffen mit Stretz hatte sich Müller vom Ringrichter, damals ebenfalls Pippow, benachteiligt gefühlt. Und so kommt es in der achten Runde, als Pippow Müller zum wiederholten Male wegen Haltens seines Gegners ermahnt, zu einem im Boxsport einmaligen Wortwechsel:

Müller: “Wat trennste mich dann dauernd, do Jeck! Dä Mann is jroß, un ich bin klein, ich will dä in de Ribbe bumse.”

Pippow: “Halten Sie den Mund, weiterkämpfen!”

Da rastet “der Affe” völlig aus. Er schlägt Pippow mit einem mächtigen rechten Haken bewusstlos, verpasst den schon fallenden Schiri noch eine Linke auf den Kopfscheitel, dann stürzt er sich auf Stretz. Endlich kann er so kämpfen, wie er es die ganze Zeit wollte: von Mann zu Mann, nach seinen eigenen Regeln, ohne dieses ständige Trennen durch den Richter.

Doch nun stören diese lästigen Box-Sekundanten und der Manager seines Gegners, die in den Ring stürmen, um Müller zur Raison zu bringen. So geht er auch auf sie mit den Fäusten los, einen von ihnen wirft er durch die Seile aus dem Ring. Auch sein eigener Manager Joseph Thelen, gleichzeitig sein Schwiegervater, kann ihn nicht stoppen – vor Schreck war er ohnmächtig geworden, als sein Schützling den Unparteiischen wie eine morsche Eiche fällte. Schließlich reckt Müller, mit Adrenalin vollgepumpt, siegesbewusst die Hände in Höhe. Nicht wenige im Kölner Stadion jubeln.
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